Praktikum zwischen Livestream, KI und Hühnerfüßen
Elf Tage, vier Stationen, acht mutige Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 11 bis 13, zwei engagierte Lehrkräfte (Frau Sabine Lauber und Frau Xiao Zhong) – und eine Mission: E-Commerce hautnah erleben, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in der Praxis kennenlernen, gemeinsam mit chinesischen Berufsschülerinnen und Berufsschülern an technischen Projekten arbeiten und dabei den eigenen Kompass für die berufliche Orientierung neu ausrichten. Kurz und gut: das Praktikum für 2 Wochen nach China verlegen für alle Ausbildungsrichtungen.
Unsere Route führte uns von Taicang über Pinghu und Tonglu bis auf die Tropeninsel Hainan. Die Stationen klangen dabei wie Schlagzeilen aus der Zukunft: der Deutsche Industriepark Taicang, das Pinghu Technical Institute, die Logistikdrehscheibe Tonglu sowie die Hainan University of Science and Technology mit ihrer Freihandelszone. Hauptorganisator und Koordinator waren das Hangzhou Technician Institute, die uns das Praktikums-Programm zusammengestellt haben. Ein großer Dank gilt hier Frau Zhang Weixin, die uns mit viel Hingabe und Mühe auf chinesischer Seite und Frau Xiao Zhong, die auf deutscher Seite als Lehrkraft unserer Schule ein volles, mehr als tagesfüllendes Programm zusammengestellt haben. Ohne diese Zusammenarbeit der beruflichen Bildungseinrichtungen wäre dieses Projekt nicht möglich.
Zwischen dualer Ausbildung, Live-Commerce und technischer Ausbildung
Im Deutschen Industriepark in Taicang erhielten wir spannende Einblicke in die chinesische Variante des deutschen dualen Ausbildungssystems. Bereits an unserem ersten Praxisstandort konnten wir erleben, wie eng Theorie und Praxis miteinander verzahnt werden und wie effektiv das deutsche duale Ausbildungssystem in China angewendet wird, um zukünftige Arbeitskräfte auszubilden.
Am Pinghu Technical Institute standen Gespräche mit Unternehmen und praktische Workshops im Mittelpunkt. Dabei ging es um Kompetenzen, die in digitaler Fertigung und Onlinehandel zunehmend an Bedeutung gewinnen: Datenkompetenz, Verständnis für die Customer Journey und die schnelle Erstellung von Content. Eine Erkenntnis blieb besonders in Erinnerung: Der direkte Kontakt zum Kunden sowie effiziente Arbeitsprozesse sind entscheidende Erfolgsfaktoren. Sowohl unsere Schülerinnen aus dem Wirtschaftszweig als auch unsere Techniker konnten ihr Können in zahlreichen Praxisworkshops unter Beweis stellen.
Am Hangzhou Technician College in der Nähe von Tonglu wurde deutlich, warum die Region als Wiege der chinesischen Expresslogistik gilt. Von hochautomatisierten Prozessketten bis hin zu autonomen Zustellfahrzeugen – Logistik denkt hier in Minuten, manchmal sogar in Millisekunden. Aber auch Drohnen-Flug, Bau von eigenen Autos (Go-Kart-Style), Kampfhunde gehören in das Portfolie dieses 6000-Beruflichen Colleges Hangzhou Technician Institute.
Die Freihandelszone, Smart Tourism und Hochschulatmosphäre an der Hainan University of Science and Technology bot einen eindrucksvollen Einblick in moderne Standortpolitik und digitale Dienstleistungen. Steuerliche Anreize, Zollvorteile und digitale Bezahlsysteme verdeutlichten, wie eng Handel und Datenwirtschaft heute miteinander verknüpft sind.
Untergebracht waren wir teilweise in Gastfamilien, teilweise in Hotels. Besonders wertvoll waren die Einblicke in den chinesischen Alltag: die morgendliche Nudelsuppe, die frittierten Hühnerfüße als Snack (konnten uns nicht überzeugen), Gespräche über Schule, Studium und Beruf sowie das unmittelbare Erleben familiärer Strukturen und Lebensverhältnisse. Für viele Teilnehmende war die Erkenntnis überraschend, dass in manchen Haushalten auf sehr festen Holzbetten (ohne Matratze!) geschlafen wird – eine Erfahrung, die sicherlich lange in Erinnerung bleiben wird.
Beeindruckend war zudem die allgegenwärtige Videoüberwachung. Einerseits vermittelte sie ein hohes Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum; persönliche Gegenstände konnten häufig unbeaufsichtigt bleiben, ohne dass man sich Sorgen machen musste. Andererseits war allen bewusst, dauerhaft sichtbar zu sein, was das eigene Verhalten gelegentlich beeinflusste.
Rückblickend können Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte gemeinsam feststellen: Die Reise war anspruchsvoll. Insbesondere die sprachlichen Herausforderungen aufgrund der teilweise geringen Englischkenntnisse sowie unterschiedliche kulturelle Vorstellungen – etwa davon, was unter einem „historischen Dorf“ verstanden wird – erforderten Flexibilität und Offenheit. Gleichzeitig zeigte sich, wie hilfreich moderne KI-gestützte Übersetzungssysteme sein können. Sie erleichterten die Kommunikation erheblich und ermöglichten sogar den Aufbau persönlicher Beziehungen.
So eng wurden diese Verbindungen, dass beim Abschied von den Gastfamilien durchaus Tränen flossen. Ja, die Reise war anstrengend – gerade deshalb aber besonders wirksam. Die Rückmeldung unserer Schülerinnen und Schüler lässt sich treffend zusammenfassen:
„Anstrengend, inhaltlich äußerst gewinnbringend und ein völlig neuer Einblick in das Arbeitsleben in China.“
Diese Erasmus+-Reise hat Horizonte erweitert – fachlich, kulturell und menschlich. Sie hat neue Perspektiven auf Bildung, Arbeit und Digitalisierung eröffnet und wird allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben.






